Archiv des Autors: Heinzpeter vom Auesee

Anpassungsstörung Covid-19 Dauerbelastung

Ich komme mit meinem Leben nicht mehr klar. Was soll ich machen? Können Sie mir helfen wieder zu mir zu finden?

So oder so ähnlich erhalte ich täglich Anrufe.

Covid 19 und das Drumherum entwickelt sich zu einer psychischen Dauerbelastung. Wir haben es mit einer chronifizierten Anpassungsstörung zu tun.

Anpassungsstörungen? Das ist doch nichts Krankhaftes – oder?

Übrigens, wer nicht lesen will, kann zuhören (Podcast) und zusehen (VLogYouTube).

Eine Anpassungsstörung ist eine unbewusste / ungewollte Reaktion. Die Reaktion auf ein belastendes einmaliges oder auch fortbestehendes Lebensereignis. Das Krankhafte daran drückt sich in negativen Veränderungen des Gemütszustandes aus. Neben den affektiven (gefühlsdominanten) Symptomen können sich auch ausgeprägte Störungen des Sozialverhaltens darstellen.

Soweit die offizielle Definition der WHO in populären Worten ausgedrückt.

Diese Störungen treten auf, wenn Menschen über einen längeren Zeitraum nicht akzeptieren können, dass sie einem „neuen“ Umstand / Zustand ausgesetzt sind. Das kann ein physischer Umstand sein, also körperlich, materiell, , monetärer oder Dinge und Sachen betreffen. Und oder es kann ein schwieriger psychischer Zustand sein.

Fast immer treten die Leiden in den zwischenmenschlichen Beziehungen heftig und stark ausgeprägt auf.

Betroffene sind dann nicht in der Lage, sich angemessen, also in passendem Maße, auf die neue Situation einzustellen.

Wichtig zu wissen ist, dass das unpassende Denken, Fühlen und Handeln im Unterbewussten entsteht, in den 90 % unseres (Un)Bewusstseins, auf die wir keinen spontanen rationalen Zugriff haben.

Charakteristisch für die Anpassungsstörung ist, dass der betroffene Mensch sich in subjektiver Bedrängnis fühlt. Er ist emotional erheblich gestört. Seine soziale Beziehungsfähigkeit ist deutlich eingeschränkt. Konzentration und Leistungsfähigkeit lassen nach. Es entsteht hoher Leidensdruck für die die betroffenen Person keine Erklärung findet.

Auslösende Faktoren können beispielsweise familiäre Konflikte sein. Denken Sie an Homeschooling und beengte Wohnsituation.

Ebenso können berufliche Aspekte,  wie Homeoffice und provisorischen Arbeitsplatz.

Oder die schwierige finanzielle Situation und Existenzsorgen, wenn nur noch Kurzarbeit-Geld oder anderes reduziertes Einkommen zur Verfügung steht.

Bevor wir mit pandemischen Lebensstörungen konfrontiert wurden, entwickelten sich Anpassungsstörungen hauptsächlich durch plötzliche Ereignisse, wie Krankheits- oder Todesfälle im Familien- oder Bekanntenkreis, Verlust des Arbeitsplatzes, Verlassen-worden-sein oder Scheidung, aber auch Arbeitsplatzwechsel und Umzug. Auch die Geburt von Kindern mit den entsprechenden Lebensveränderungen . Das sind allesamt von außen indizierte problematische Änderungen der Lebensumstände, -aber mit einer zeitlichen Perspektive.

Die Corona Pandemie erscheint uns derzeit als unkalkulierbarer Dauerzustand, auf unabsehbare Zeit, woraus sich die chronifizierte Anpassungsstörung entwickelt.

Die Erkenntnis der Psychologen und Therapeuten lautet:

Nicht die objektive Härte eines Ereignisses ist entscheidend für die Ausprägung der Störung, sondern das subjektive Empfinden der Belastung. Die Häufigkeit oder Wiederholrate einer Belastung spielen eine Rolle. Die kognitive und körperliche Bewältigungsfähigkeit ist wesentlich und die individuelle Belastbarkeit des leidenden Menschen sind in der Gesamtheit entscheidend für die Krankheitsentwicklung und ihren Schweregrad.

Eine Anpassungsstörung kann zusätzlich befeuert werden, wenn eine deutliche Tendenz zu paranoidem, schizotypem und dissoziativem Verhalten nicht auszuschließen ist.

Wo ist die Grenze zwischen normal und krankhaft?

Normal ist ja abhängig vom Kulturkreis und dem sozialen Umfeld der Gesellschaft die uns umgibt.

Im Laufe des Lebens sind Menschen einer Reihe von negativen, belastenden Lebensereignissen ausgesetzt, die in der Regel angemessen verarbeitet und mit Würde und angemessener Selbstwertigkeit normalerweise bewältigt werden.

Belastungssituationen und Schicksalsschläge lösen Gefühle von Ärger, Trauer, Betroffenheit und Hilflosigkeit aus, die man als normale zeitlich begrenzte Reaktionen bezeichnet.

Normal zeichnet sich dadurch aus, dass dem Betroffenen ein situationsangemessenes Verhalten weiterhin möglich ist. Er verfügt über die kognitive Freiheit und bewusste Selbstbestimmung, nicht dauerhaft die Lebensumstände ausschließlich unter dem Eindruck der aktuellen Belastung zu werten.

Ob und ab welcher Hürde therapeutische Hilfe notwendig ist, kann schließlich in einem therapeutischen Gespräch geklärt werden. Entscheidend ist immer das subjektiv empfundene Leid des betroffenen Menschen. Seine daraus resultierende Hilflosigkeit, seine Verzweiflung und sein Gefühl der Ohnmacht.

In einer Therapie werden dann Wege gesucht, die Belastungen zu werten, eigene Ressourcen zu entdecken und zu fördern, individuelle Belastungsgrenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Unsere körperlichen Belastungsgrenzen können wir ganz gut einschätzen. Wir wissen ziemlich genau, was wir beispielsweise haben und tragen können und wie lange und wie weit.

Bei psychischer Belastung, bei seelischem Stress tun wir uns schwerer, weil sich eben 90% im Unbewussten abspielt.

Menschen sind im Lauf ihres Lebens vielfach Situationen ausgesetzt, die unangenehm, quälend, ängstigend, erschreckend oder zermürbend sind. Wie stark diese empfunden werden, ist ganz individuell verschieden.

Jeder Mensch geht mit Belastungen unterschiedlich um. Während der Eine das Erlebte psychisch völlig unbeschadet übersteht, entwickelt der Andere durch den gleichen Auslöser, durch die gleiche Ursache eine leidvolle Störung.

Es ist immer die eigene subjektive Wahrnehmung des Betroffenen entscheidend. Und auch, welche (aktuelle) Lebenssituation mit seiner momentanen und individuellen Belastbarkeit zusammentrifft.

Viele Faktoren können die Anpassungsfähigkeit stören, wie z.B.:

  • Art, Dauer und Heftigkeit der Belastung
  • Welche Bedeutung / Wertigkeit hat das Ereignis für den Betroffenen? Ein letzter Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen.
  • Wie psychisch widerstandsfähig, wie sensibel und verletzlich ist der Betroffene grundsätzlich? Ausgeglichene, optimistische und selbstbewusste Menschen können mit Krisen in der Regel besser umgehen.
  • Welche Bewältigungsstrategien kann der Betroffene abrufen? Ist er in der Vergangenheit schon erfolgreich mit ähnlichem Erlebnis umgegangen? Kann er diese Erfahrungen auf die neue Situation anwenden?
  • Ist ein unterstützendes soziales Umfeld vorhanden, z. B. Familie, Freunde, Kollegen? Ohne soziale Bindungen, Partnerschaften leiden emotional instabile Menschen, eher bei Belastungs- bzw. Anpassungsstörungen.

Störungsbild

Häufig ist es das Umfeld des Betroffenen, das ihm ein Feedback gibt und dadurch meistens sein eigenes Empfinden bestätigt.

Der tatsächliche Beginn einer Anpassungsstörung, des Leidens, ist verwischt, weil Betroffenen häufig die Anzeichen verdrängen, verleugnen und schönreden. So häuft sich etwas an und es genügt ein letzten Tropfen und das Fass läuft über, sprich das Leid, die Hilflosigkeit, die Ohnmacht werden unerträglich.

Die am häufigsten auftretenden psychischen Auffälligkeiten sind Angst und Sorge, Depressivität, Ärger, Verbitterung, Verzweiflung und emotionale Verwirrtheit. Es kann zu heftigen Gefühlsausbrüchen kommen ebenso wie zu totalem Rückzug und sozialer Verweigerung.

Gefühle von Isolation, Bedrängnis, Traurigkeit und Hilflosigkeit können sich einstellen. Sie bestärken den Eindruck, die alltäglichen Lebensaufgaben nicht bewältigen zu können.

Ein Stimmungseinbruch sowie Desinteresse, Konzentrationsschwierigkeiten und der Verlust an Lebensfreunde können das Sozialverhalten der Betroffenen beeinträchtigen und deren Leistungsfähigkeit einschränken.

Verhaltensauffälligkeiten wie sozialer Rückzug, Aggressivität oder sogar unsoziales  Verhalten sind möglich. Hoffnungslosigkeit kann sich bis hin zur Apathie, also einer generellen Teilnahmslosigkeit steigern.

Wichtig zu wissen ist für Betroffene wie für die Mitleidenden im sozialen Umfeld: Das Verhalten der Person ist ungewollt, ist unkontrolliert aus dem Unbewussten heraus.

Aber was kann man tun?

Für die Behandlung einer Anpassungsstörung kommen nach genereller Abklärung körperlicher Ursachen, psychotherapeutische Hilfen in Frage: Psychoedukation, also Information über die hier zuvor genannten Zusammenhänge, dann integrative Psychotherapie aus Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie und psychoanalytische Therapie.

Das Therapiekonzept ist individuell ausgerichtet und abhängig vom Schweregrad.

In psychotherapeutischen Sitzungen  wird zunächst der emotionale Druck abgebaut. Es werden vorhandene Ressourcen ergründet, Strategien zur Problembewältigung (re)aktiviert oder neu erarbeitet. Dazu gehört auch das Erlernen von Konfliktbewältigung und Stressreduktion.

Ziel ist es auch, das Selbstwertgefühl des betroffenen Menschen zu stärken und seine Motivation zur Handlungsfähigkeit wieder herzustellen.

Und die Angehörigen was können die tun?

Angehörige und Freunde sollten sich Zeit für Gespräche mit dem Betroffenen nehmen und seine Gefühle und Gedanken ernst nehmen. Sie sollten sich auch zurücknehmen mit Bewertungen oder mit Beurteilungen und Verurteilungen.

Wer willens und in der Lage ist zu helfen, sollte eine neutrale unvoreingenommene Position einnehmen. Unverständnis und kontroverse Diskussionen sind an der Stelle nicht hilfreich. Sie schaffen überwiegend neue zusätzliche Belastungen.

Wer sich durch das Verhalten eines Menschen mit Anpassungsstörung, insbesondere chronischer also lang andauernder Anpassungsstörung eher genervt und angegriffen fühlt, darf sich über seine Beteiligung an der Situation, im Sinne des oben Genannten, Gedanken machen,

– aber bitte für sich allein ‚‘‘im stillen Kämmerlein‘‘,

– notfalls mithilfe eines Therapeuten.

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