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Der Nocebo-Effekt. Lieb sein – böse sein – psychotisch sein

Die Prägungen im Kindesalter sind die Narben im Erwachsenenalter

Unsere Eltern lieben oder liebten uns – mehr oder weniger. Allerdings mussten wir, besonders wenn die Eltern unter Stress und Zeitdruck waren, leider auch unbedachte Worte hören. Dadurch wurde in jungen Jahren der sogenannte Nocebo-Effekte in uns angelegt und später von uns weiter „gepflegt“.

Der Nocebo-Effekt entsteht durch äußere Prägungen, durch von außen auf uns zukommende Erfahrungen und beeinflusst unser Fühlen, unser Denken und unser Handeln.

Nocebo kommt vom Lateinischen nocere = schaden und nocebo = ich werde schaden. Ähnlich klingend kennen wir den Placebo-Effekt, aus dem Lateinischen placebo = ich werde gefallen. Der Placebo-Effekt ohne spezielle medizinische Wirkstoffe beeinflusst nachweislich das Wohlbefinden positiv. Der Nocebo-Effekt hingegen bewirkt eine negative Reaktion, ebenfalls nachweislich und vor allen Dingen nachhaltig.

Und so wirkt der Nocebo-Effekt

Der Mechanismus ist uns leider unbewusst. Wir projizieren den Effekt auf unsere Mitmenschen oder auf Situationen ohne kognitive Absicht. Unterhalb der Bewusstseinsebene passiert etwas, das unser Selbstbild und unseren Charakter verändert. Der Nocebo-Effekt beschert den Betroffenen eine problematische, fremdbestimmte und leidvolle Zukunft.

Raus aus dem Nocebo-Karussell

Nur beim individuell Betroffenen selbst (und wer von uns wäre das nicht in der einen oder anderen Art und Weise) kann der Nocebo-Wirkmechanismus aufgearbeitet und möglicherweise aufgelöst werden. Wüssten wir mehr über den Effekt-Mechanismus, ließe sich insbesondere für unsere Kinder heute die Zukunft leidensfreier gestalten.

Fühlen, Denken und Handeln wird primär durch Eltern und Geschwister geprägt

Wer hat nicht schon folgende Sätze gehört, die heftige Gefühle in uns ausgelöst haben:

  • Wenn du so bist, dann habe ich dich nicht mehr lieb!
  • Das habe ich dir ja gleich gesagt.
  • Da bist du nun selbst schuld.
  • Geh weg! Ich will dich nicht mehr sehen!
  • Ich hab’s doch gleich gewusst, dass du das nicht kannst!
  • Aus dir wird nie etwas!
  • Ich versteh dich nicht. Wie hast du nur so etwas tun können?

Das sind die Phrasen, die uns lebenslang begleiten, verfolgen und geprägt haben. Phrasen, die unser Denken und Handeln und den Umgang mit anderen beeinflussen. Der Nocebo-Effekt ist nachhaltig angelegt und vermehrt sich.

Eltern haben immer Recht

Verbale Angriffe mit Selbstwert-Verletzungen können Kinder im Vorschulalter und meistens noch lange danach nicht abwehren. Sie haben ja noch keine langjährige Erfahrung gesammelt und sind noch nicht in der Lage Bewertungen und Kritiken einer Tatsachenüberprüfung zu unterziehen. Für Kinder gilt: Meine Eltern haben immer Recht. Was sie sagen und tun muss wohl richtig sein.

Besonders solche Aussagen mit dem Zusatz „immer“ und „nie“ haben verletzende, ja tiefgreifende hypnotische Wirkung auf die Kinderpsyche:

  • Das lernst Du nie!
  • Nie räumst du deine Spielsachen weg!
  • Immer heulst du bei dem kleinsten Anlass!
  • Immer kommst Du zu spät nach hause!
  • Nie hältst Du was Du mir versprochen hast!

Die typische Nocebo-Karriere

Mama sagt:
„Du bist ein böses Kind!“

Kind denkt:
„Wenn ich bei Liebsein keine Aufmerksamkeit bekommen und Mama mich abweist (jetzt nicht, später habe ich Zeit, Du siehst doch, dass ich gerade etwas Wichtiges tue, etc.), dann scheint ja böse sein mit Mamas Meinung von mir „richtig“ zu sein. Ich bin böse. Ich glaube ihr das. Ich will ihre Liebe und Zuneigung, ich will so sein. Das ist Mama Liebe geben.

Fazit:
Der kleine Mensch übernimmt das böse sein als richtig sein. Er sagt. „Ich besitze keine Liebe, Mama schaut ja immer genervt weg, wenn ich Liebe abholen und bringen möchte.“ Weiter: „Ich bin böse. Ich bin nicht lieb. Mama hat Recht. Mama liebt mich. Mama kennt die Wahrheit. Was ich also bin ist böse sein und nicht lieb sein.“

Nocebo-Effekt nimmt Fahrt auf

Was im Kleinkindalter geprägt wurde setzt sich bis ins Erwachsenenalter „erfolgreich“ fort:

  • Verbale Angriffe gegen Kleinkinder, sind die ersten negativen Erfahrungen und Prägungen, die wiederholt durch unbedachte Aussagen gefüttert werden.
  • Kleine Kinder glauben ihren Eltern und größeren Geschwistern und den Erwachsenen im Allgemeinen. Deren Aussagen halten sie für richtig und fühlen sich dann schuldig.
  • Um den inneren Konflikt und den Seelenschmerz auszuhalten, müssen die Kinder den  verbalen Angriffen einen Sinn geben. Der besteht dann darin, dass sich das Kind selbst schuldig fühlt. Mit ihm ist offensichtlich etwas nicht in Ordnung.
  • Viele Äußerungen lösen bis ins hohe Alter Ängste, Misstrauen, Schuld und Scham aus, oft verbunden mit Resignation, Hilflosigkeit und Aggression.

Als Kind ins Nocebo-Karussell gesetzt, mit Dauerfahrkarte und nicht wieder abgeholt. So geht es den meistens von uns, die nicht abspringen können, um die Drehfahrt von außen zu betrachten.

Meine dringende Bitte an alle Eltern, Großeltern, größeren Geschwister und Erwachsenen, die mit Kinder und Jugendlichen umgehen:

Denken Sie nach bevor Sie reden, was Sie in Gegenwart von und zu Kindern sagen.

Wenn Sie unter Stress stehen und genervt sind, schweigen Sie besser, als dass Sie Ihrem Kind Worte entgegnen, die den Nocebo-Effekt aussäen.

Seien Sie achtsam mit sich und ihren Mitmenschen.

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