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Umgang mit Ärger, Wut und Jähzorn

Es gibt diese Momente, da möchte man vor Ärger und Wut aus der Haut fahren. Am liebsten würde man gerne rumbrüllen und wenn´s ginge den vollen Teller gegen die Wand klatschen. Und Sie wissen, es gibt Menschen, die ihren Zorn unkontrolliert laufen lassen müssen.

Übrigens, wer nicht lesen will, kann zuhören (Pod►cast) und zusehen (VLog►YouTube).

In meinem letzten Beitrag (hier zu  lesen, zu  hören, zu  sehen) habe ich Ihnen die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vorgestellt. In Kurzform wie folg:

Auslöser seiner emotionalen Ausraster kann eine Banalität sein, ein Wort, eine Geste, eine falsch interpretierte Nichtbeachtung seiner Person usw. Explosionsartig wird die Person laut und ist total außer Selbstkontrolle. Worte, Schimpfworte und manchmal auch Gegenstände fliegen durch die Gegend. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne irgendwelche Konsequenzen zu bedenken. Kritik und Maßregelung durch andere verstärkt das ganze. Beschwichtigungen erreichen diesen Menschen nicht. Nach dem Austoben erfolgt zumeist eine schambesetzte Reuephase, die verständlicherweise bei den anderen auf Unverständnis trifft.

Was kann die emotional instabile Person tun, um mehr Kontrolle in seine Impulsivität zu bekommen?

An allererster Stelle steht die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinander setzen zu wollen. In der Reuephase, wenn also der Impulsive bedauert, was er seinem Partner, seiner Partnerin und den anderen Beteiligten mit seinem explosiven Verhalten angetan hat, ist für ihn eine gute Gelegenheit, sich seiner emotionalen Instabilität zu stellen. Der Besuch in einer psychotherapeutischen Praxis sollte von ihm mit Einsicht und fester Besserungsabsicht erfolgen. Nach der Evaluierung seiner Person und seines Werdeganges ist in der Regel auch nach und nach Erfolg zu erreichen.

Dann können die Partner und andere Leidtragende zunächst nur darauf vertrauen, dass der Impulsive Mensch aufgrund der Verhaltenstherapie lernt, seine explosive Spannung vor dem Ausbruch zu erkennen und zu regulieren.

Mittels der Therapie wird die emotional instabile Person sich intensiv mit ihrer Verhaltensstörung befassen und ihre Persönlichkeitsprägung verstehen lernen.

Ärger  ►  Wut  ►  Zorn  ►  Wutanfall  ►  Jähzorn

Ärger, Wut und Zorn sind Gefühle und sich daraus entwickelnde Geisteshaltungen, die wir in uns selbst produzieren. Ein Wutanfall und Jähzorn sind die nach Außen sichtbaren Anzeichen dessen, was sich aus den unbewussten Emotionen heraus entwickelt. Die meisten Menschen können ihre Geisteshaltung und ihre Gefühle auch unter hoher Anspannung und Stress ganz gut regulieren. Sie haben sich im Griff. Das ist bei einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung anders.

Konkret. Erste-Hilfe bei aufkommender Wut.

Psychologen und Therapeuten bestätigen überwiegend, dass die emotionale Instabilität der 1/3-Rgel entspricht: 1/3 Drittel des Verhaltens sind genetisch bedingt, durch Vererbung. Ein weiteres Drittel entsteht durch die Prägung im frühen Kindesalter. Kinder, insbesondere Kleinkinder wissen noch nicht zu differenzieren. Alles was sie vorgelebt bekommen und was ihnen als Postulat eingetrichtert wird, saugen sie bedenkenlos auf. Für sie gilt, „so funktioniert die Welt“. Das letzte Drittel sind die eigenen Lebenserfahrungen in der vor- und nachpubertären Zeit. Sie sind und werden einerseits beeinflusst durch das Milieu und die anderen Jugendlichen mit denen sie Umgang haben. Und andererseits durch die Interaktion, die sie selbst durch ihr impulsives Verhalten beitragen.

Insofern ist Ärgern und jähzornig zum großen Teil auch eine Gewohnheit.

Das Ärgerprogramm wird blitzschnell automatisch durch Reize aktiviert. Äußere Reize, weil jemand etwas tut, sagt oder unterlässt, was sie zu unkontrollierter Reaktion anregt (Fachjargon: Triggern).

Die meisten Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung des impulsiven Typus bestätigen, dass sie ein paar Zehntelsekunden vor der Gefühlsexplosion eben diese haben kommen sehen. Es gab Vorboten. Und diese zu erkennen ist das Allerwichtigste. Jetzt kommen wir nochmal zur Gewohnheit: Was man sich angewöhnt hat, kann man auch wieder entwöhnen.

Stellen Sie sich vor, Sie wären in den Bergen mit viel Schnee aufgewachsen. Da ist es ganz normal, dass Sie in früher Kindheit mit dem Skifahren anfangen. Meistens autodidaktisch und durch Abschauen kommen Sie irgendwie den Berg runter. Sie werden immer besser und immer schneller, d. h., Sie bestätigen sich selbst jedes Mal, dass Ihr Fahr-Verhalten richtig und erfolgreich ist.

Bis Ihnen eines Tages jemand sagt, dass Sie rücksichtslos wie eine Pistensau andere gefährden, ängstigen und in Gefahr bringen. Das wollen Sie gar nicht und beginnen vorausschauend besser gesagt vorausdenkend Ihre Skifahrt zu genießen. Je mehr Sie das Vorausdenken trainieren, desto mehr geht es in eine Gewohnheit über, die das alte Verhalten „überschreibt“.

Tipp 1

Finden Sie heraus, was Ihre Vorboten sind. Sind es körperliche Reaktionen, wie Schwitzen, Herzklopfen, Rotwerden, Heißwerden im Gesicht, feuchte Hände, Kribbeln und Jucken auf der Haut, Augenliedzuckungen, Auf- und Abgehen wie im Tigerkäfig, Magengrummeln, oder was auch immer. Es können genauso gut Kopfschmerzen sein, Pochen und Druck im Schädel, oder ein Gedankenkarussell, in dem die selben Gedankenfetzen immer wieder an Ihnen vorbeidrehen.

Tipp 2

Sie sind der Chef in Ihrem Kopf. Sie haben die alleinige Macht, sich jetzt für oder gegen einen Wutanfall zu entscheiden. Denken Sie an das Bild mit der Palme. Andere können Ihnen eine Palme vor das Haus stellen, aber Sie allein entscheiden, ob Sie hochklettern. Wenn, dann bringen Sie sich selbst auf die Palme. Andere Menschen oder Umstände oder deren Verhalten bringen Sie nicht auf die Palme. Wie gesagt, die stellen die Pflanze nur dahin.

Nutzen Sie diese Symbolik und entscheiden Sie allein über Ihr Verhalten. Sie bestimmen selbst über Ihr Verhalten und wie es nach dem Erkennen der Vorboten weitergeht. Sie sind jetzt nicht schutzlos ausgeliefert. Sie kennen die Mechanismen jetzt und nehmen die Regulierung selbst aktiv in Ihr Hand. Sie regulieren sich runter, haben die Kontrolle über sich und können die Ohnmacht überwinden. Sie sind nicht mehr das Opfer. Sie sind den anderen nicht ausgeliefert. Ihre Wut und der Zorn sind zwar noch sehr stark und es brodelt noch in Ihnen, aber Sie beherrschen Ihre Reaktion jetzt.

Tipp 3

Verzeihen Sie sich, dass Sie sich geärgert haben. Hören Sie auf, sich zu verurteilen. Sie haben es doch mehr und mehr im Griff. Seien Sie auch geduldig mit sich. Erwarten Sie keine Wunder. Es braucht Übung, die Vorboten zu erkennen und die aufgestellte Palme zu ignorieren.

Sagen Sie sich: Das ist bzw. war mal eine schlechte Angewohnheit. Was zählt ist, dass ich mich bemühe. Und das gute Gefühl danach, dass eine Situation nicht explodiert ist. Es ist schön zu wissen, dass ich es beherrschen kann.

Selbstverurteilung ist kontraproduktiv. Aus der Psychotherapie weiß man, wer seine Gefühle erkennt und annimmt, fühlt sich besser.

Tipp 4

Es hört sich komisch an, wenn ich Ihnen empfehle Ihren Ärger, Ihre Wut einfach wegzulächeln. Nun, da hinter steckt die Tatsachen, dass körperliches Verhalten auf die Psyche einwirkt und umgekehrt. Das Umgekehrte, wie psychisches oder seelisches Befinden auf den Körper einwirkt, ist uns sehr geläufig. Beispiel: Wenn wir traurig sind, wenn wir zornig und wütend sind, dann ist unsere Körperhaltung, unser Gesichtsausdruck, ja unsere gesamte Gestik ganz anders, als wenn wir glücklich und voller Lebensfreude sind.

Sind wir beispielsweise traurig, ist unsere Haltung eher gebeugt und besonders die Gesichtsmuskeln zeigen deutlich unsere Stimmung an. Ist eine Person voller Freude- und Glücksgefühlen, dann stahlt sie das auch aus.

Machen Sie bitte folgendes Experiment: Nehmen Sie z. B. im Sitzen eine nach vorne gebeugte Haltung ein, atmen Sie flach nur im oberen Brustraum, lassen Sie die Schultern und Arme hänge, als wenn eine tonnenschwere Last auf Ihren Schultern ruht. Merken Sie, wie Ihre Stimmung, Ihre Gefühlslage sich ins traurige, depressive verschiebt?

Jetzt strecken und rekeln Sie sich mal so richtig und atmen Sie tief in den Unterbauch ein und aus. Stellen Sie die Füße fest und vollflächig auf den Boden, schieben Sie das Becken leicht nach vorne, richten Sie sich gerade auf, Schultern etwas zurück nehmen und so tun, als wenn Sie wie ein Puppe am Haarwirbel, mitten auf dem Kopf, leicht nach oben gezogen würden.

Schon allein das wird Ihnen ein anderes, ein besseres Gefühl geben. Jetzt lächeln Sie mal ganz intensiv, besser noch, grinsen Sie mal so richtig, wie ein selbstsicherer Lausbub herausfordernd in die Welt. Ich bin sicher, dass Sie den Stimmungsunterschied sofort feststellen.

Und genau das ist ein sehr wirksames Mittel, aufkommenden Ärger, Wut und Zorn wegzulächeln, gerne auch wegzugrinsen. Wir Menschen sind genetisch so angelegt, dass wir nicht gleichzeitig lächeln können und zornig sein können. In der frühen Menschheit war es überlebenswichtig, zwischen Wut, Zorn, Angriff und Ruhe, Frieden und Freundschaft zu unterscheiden, um am Gesichtsausdruck ablesen zu können, was man vom Gegenüber zu erwarten hat.

Lächeln Sie Ihren Ärger einfach weg. Üben Sie es so oft wie möglich, – nicht nur wenn Sie zu den emotional instabilen Personen gehören und Probleme haben die Impulsivität zu regulieren.

Seinem Ärger Luft machen

Ist das hilfreich? Es kommt auf die Dosis an. Die Meinung auch unter Psychologen und Therapeuten ist zweigeteilt. Wenn das Luftmachen dazu dient, eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, kann es aufklärend hilfreich sein. Wenn allerdings das Luftmachen zur Entspannung der eigenen aufgestauten Aggressivität dient ist es destruktiv. Man wird niemanden zum Einlenken oder zu Kompromissen veranlassen können, wenn respektlos und rücksichtslos nur der emotionalen Instabilität freier Lauf gegeben wird. Verständnis und Hilfe ist von anderen in dem Fall nicht zu erwarten.

Also, erst ► die Vorboten wahrnehmen, ► sich im Klaren sein, dass man selbst der Chef seiner Emotionen ist, ► einfach mal ohne Gegenaktion akzeptieren, dass etwas Zornauslösendes passiert und ► letztlich sich aufrichten, sich freuen und grinsen, dass man jetzt diese Situation meistert und jetzt nicht ausrastet.

Das Empfinden von Ungerechtigkeit ist besonders schlimm.

Wenn wir uns über ungerechte Behandlung ärgern und explodieren, dann ändern wir gar nichts daran. Mit impulsiver Unbeherrschtheit schaden uns nur selbst. Die anderen werden uns verachten, verspotten und meiden. Damit grenzen wir uns quasi selber aus, wo wir doch gerade den gesellschaftlichen Umgang suchen und brauchen.

Je mehr wir die Unvollkommenheit der anderen und unsere eigenen annehmen, desto weniger ärgern wir uns. Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung können sich selbst trainieren, gelassener zu werden. Sie können lernen, anderen und sich selbst Fehler zu verzeihen.

Persönlich besonders herausfordernd.

Ganz allgemein sind Persönlichkeitsstörungen im psychotherapeutischen Sinne bei krankhafter Ausprägung eine Besonderheit und eine Herausforderung in der Behandlung und Therapie. Besonders, nämlich für beide, für den Klienten und für den Therapeuten.

Es kommt häufig vor, dass die emotionale instabile Person nur eine kurzzeitige Einsicht hat, dass sie etwas an ihrem Verhalten ändern sollte. Sofern die Aufregung über das unangemessene Verhalten verpufft ist, die Ruhe wieder eingetreten ist, hat der Persönlichkeitsgestörte nur noch sehr geringe Krankheitseinsicht.

Wenn die Person sich nicht ernsthaft damit auseinandersetzt, und das gehört leider zum Störungsbild, ist der nächste explosive Ausraster so gut wie sicher.

Deshalb die dringende Empfehlung an Selbstbetroffene, nehmen Sie die zuvor genannten Erste-Hilfe-Maßnahmen ernst und trainieren Sie Ihre emotionalen Reaktionen in den belastenden Situationen. Erwarten Sie keine Wunder von sich selbst. Es dauert bis das gute Verhalten das ungute Verhalten überschrieben hat. Geben Sie nicht auf, wenn mal ein Wutanfall oder Jähzorn Sie am Trainingserfolg zweifeln lässt. Denken Sie an das Skifahren, – üben, üben, üben.

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